«Grüezi, ich schwätze jetzt druf los»
von Text/Texte: Pierre Wuthrich; Bild/Photo: Basil Stücheli, 24. November 2025
Beitrag im Migros Magazin vom 24.11.25
Unser französischsprachiger Redaktor wagt sich mit einem Kurs ins Dialektabenteuer – zwischen Bölle, Jass und Mani Matter. Et voilà: Er sieht etwas Licht im Mundartdickicht.
Der Schüler
Mein Name stammt zwar direkt aus dem Emmental, aber ich habe in meiner Familie nie Schweizerdeutsch oder Deutsch gesprochen. Ich bin in Neuenburg aufgewachsen und habe erst in der Schule zumindest die Grundlagen der Sprache Goethes erlernt. Ich dachte, das würde reichen.
Falsch gedacht, denn heute lebe ich in Zürich, zu Hause spreche ich aber weiterhin Französisch. Mit meinen Freunden wie auch bei der Arbeit rede ich vorwiegend Hochdeutsch. Denn abgesehen von wenigen Ausdrücken wie «En Guete» spreche ich auch nach Jahren in der Deutschschweiz keinen Dialekt und habe auch so meine Mühe, ihn zu verstehen, je nachdem, wer spricht.
Ja, ich gebe es zu: Ich bin bezüglich des Schweizerdeutschen seit Langem blockiert – so wie übrigens viele Romands. Darum mache ich nun einen Mundartkurs. Es kann doch nicht so schwierig sein.
Der Kurs
Mein Lehrer heisst Peter Walt. Und er spricht konsequent Züridütsch mit unserer Klasse. Wir sind ein knappes Dutzend Schülerinnen und Schüler aus der Romandie, aus Deutschland, den Niederlanden und aus Ecuador.
Ich verstehe den Lehrer recht gut. Wahrscheinlich, weil er sich bemüht, langsam und deutlich zu sprechen. Und den Zürcher Dialekt bin ich gewohnt. Aber sobald er die Berner Variante eines Begriffs erwähnt, verstehe ich gar nichts mehr. Entmutigend, weil ich ja weiss, dass man in der Schweiz in jedem Kanton einen anderen Dialekt spricht.
Ebenso demotivierend ist die riesige Vielfalt gewisser Begriffe. Obwohl das Schweizerdeutsche manchmal auch dem Hochdeutschen ähnlich ist – man sagt «Samschtig» für «Samstag» –, so ist es manchmal auch sehr weit davon entfernt.
Wie soll man darauf kommen, dass «Bölle» Zwiebel bedeutet? Ich finde mich damit ab, dass ich viele Wörter auswendig lernen muss.
Eine weitere Schwierigkeit ist, dass es keine Kursunterlagen gibt. Da sich Dialekte ständig weiterentwickeln, wären diese schnell veraltet. Peter Walt hat daher beschlossen, einige Seiten aus einem Handbuch mit den noch aktuellen Regeln zu kopieren. Dazu gehören Konjugationen von Verben, Adjektivendungen, Deklinationen von Pronomen sowie Uhrzeiten und Zahlen. Das Lernen unterscheidet sich hier nicht von anderen Sprachen, und ich sehe etwas Licht im Mundartdickicht.
Der Kurs besteht zum Glück nicht nur aus Grammatikübungen. Für Lehrer Peter Walt gehört zum Erlernen des Schweizerdeutschen auch das Verständnis der lokalen Kultur. Wir hören uns also Dialektlieder von Dodo und Mani Matter an und studieren die Texte. An einem Abend spielen wir mit Deutschschweizer Jasskarten. Ich hatte während dieser Lektionen wirklich das Gefühl, mehr über mein eigenes Land zu erfahren.
Um den Unterricht spielerischer zu gestalten, machen wir auch jede Woche ein Quiz, indem wir mit unserem Smartphone Fragen zu Grammatik und Wortschatz beantworten.
Die Bilanz
Am Ende des Kurses ist mir klar, dass ich noch sehr viel lernen muss. Ich verstehe immer noch nicht alles, was meine Arbeitskollegen in der Mittagspause erzählen. Allerdings habe ich mich das erste Mal überhaupt überwunden, selbst Schweizerdeutsch zu sprechen. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, flüssig zu sprechen, und ich mache viele Fehler, aber meine Hemmungen sind verflogen.
Früher war das Schweizerdeutsche für mich ein Buch mit sieben Siegeln – unmöglich und unfassbar. Nach dem Kurs habe ich verstanden, dass es auch eine Sprache ist, bei der fast alles irgendwie geht, die spielerisch ist und bei der man – anders als im Französischen – nicht zögern darf, mit der Sprachmelodie zu variieren. Allein schon deshalb hat mir der Kurs etwas gebracht.
Fürs Erste habe ich aber genug von Kursen, jetzt will ich einfach druf los schwätze … oder schwatze oder doch redä …?
«Man müsste Schweizerdeutsch in der Schule lernen»
Peter Walt unterrichtet Züridütsch an der Klubschule Migros. Er sagt, warum Dialekte wichtig sind – und weshalb 30 Lektionen nicht ausreichen.
Peter Walt, der Grundkurs umfasst 30 Lektionen. Kann man einen Dialekt in so kurzer Zeit lernen?
Nein, aber das ist auch nicht der Zweck des Kurses. Ziel ist, das Verständnis des Schweizerdeutschen zu verbessern und die Grundregeln der Grammatik zu kennen.
Was ist die grösste Schwierigkeit?
Schweizerdeutsch ist eine lebendige Sprache, die sich schnell weiterentwickelt. Zudem gibt es viele Ausnahmen, die man auswendig lernen muss. Und schliesslich ist auch die Aussprache nicht ganz einfach.
Welches sind die häufigsten Fehler?
Viele Schülerinnen und Schüler vergessen, dass es im Schweizerdeutschen kein Imperfekt, also kein Präteritum gibt, um die Vergangenheit auszudrücken. Es gibt nur das Perfekt, die Vorgegenwart. So wird aus «Ich trank» «I han trunke», also «Ich habe getrunken».
Sollte an Westschweizer Schulen nicht auch Schweizerdeutsch unterrichtet werden?
Das wäre eine gute Idee. Schweizerdeutsch ist ein Teil der Schweizer Identität, und es würde den Zusammenhalt im Land stärken, weil die Welschen dann die Deutschschweizer besser verstehen könnten. Was die deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler betrifft, so müssen diese weiterhin Französisch lernen. Doch im Moment ist der Trend eher umgekehrt …
Kurse der Klubschule Migros
Die Klubschule Migros bietet Schweizerdeutschkurse für Anfänger und Fortgeschrittene an. Beide Kurse dauern jeweils 15 Wochen mit zwei Unterrichtseinheiten zu 50 Minuten pro Woche und stehen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem B1-Niveau in Deutsch offen.
Das Schweizerdeutsch im Unterricht variiert je nach Kursort.